Freitag, 20. Mai 2022 Kodak Retina Geschichte
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Kodak Retina -/- Faszination eines Kamera-System -/- 1934 bis 1969

Geschichtliches über Kleinbild-Kameras bis zur ersten RETINA

Zu Beginn der 30er-Jahre fand die von Oskar Barnack entwickelte Kleinbild-Kamera der Firma Ernst Leitz, Wetzlar, die «Leica» einen immer grösseren Anklang. Im Verhältnis zu den in jener Zeit angebotene Kameras des Marktes war sie klein und handlich. Zwar sind schon früh Anstrengungen unternommen worden, um die Abmessungen einer Kamera möglichst klein zu gestalten. Vor allem sollten unhandliche Kastengeräte durch Faltkameras abgelöst werden. Dass dies nicht ohne weiteres erfolgen konnte lag an den damaligen Kaufpreisen; Faltkameras waren teuer.

Interessanterweise hatte die Firma ICA, Dresden bereits eine kleine Rollfilm-Klappkamera «Icarette» für Bildgrösse 6x6cm mit Rollfilm 120 anfangs der 20er-Jahren auf den Markt gebracht, deren Abmessungen bei vielen späteren Kleinbildkameras nicht unterboten wurden.

Das Konzept der Leica verfolgte jedoch eine andere technische Richtung, nämlich fixes Gehäuse, kleineres Rollfilmmaterial und von Anfang als ausbaufähiges System gedacht.

Durch den verhältnismässig hohen Preis einer Leica blieb sie aber eher einer begüterten Käuferschicht vorbehalten, was sich in den vorerst produzierten Stückzahlen niederschlug.

Sicherlich hatte diese handliche Kamera auch bei verschiedenen anderen Kamera-Werkstätten Interesse erweckt und das Herstellen kleiner Kameras wurde in Erwägung gezogen. Das Konzept war ja eindeutig; kleines Gehäuse zur Verwendung eines handelsüblichen Filmmaterials, gute Optik, zuverlässiger Verschluss und preislich günstiger als die Leica!

Das mag die Firma Nagel in Stuttgart bewogen haben, selbst in den Kleinkamerabau einzusteigen. 1930 wurde eine erste kleine Kamera, die «Ranca» auf den Markt gebracht. Im Gegensatz zur Leica mit Negativ-Format 24x36mm war diese Kamera für das Negativ-Format 3x4cm konstruiert. Verwendbar war der Kodak-Rollfilm Typ 127. Verschluss und Optik dieser Nagel-Konstruktion entsprach denjenigen der ersten serienmässig hergestellten Leicas, den Compur-Leicas. Die Gehäuseform war jedoch unterschiedlich.

Bereits ein Jahr später überraschte die Firma Nagel mit einer weiteren kleinen Kamera, der «Pupille», die sowohl mit einem Leitz-Objektiv, dem «Elmar 3.5/5cm», oder dem Schneider «Xenon 2/4.5cm», jeweils im Compur-Verschluss angeboten wurde. Auch diese Kamera war für das Negativformat 3x4cm mit Filmtyp 127 gebaut und abmessungsmässig etwas gekompakter.

Mit dem Bau dieser beiden Kleinkameras dürften Erkenntisse bei deren Fertigung gewonnen worden sein, welche den Bau der 1934 erschienenen ersten Retina-Kamera mitgeprägt haben dürfte. Verschlussgrösse und Objektiv-Brennweite liessen sich ohne Neuentwicklungen für das Kleinbildformat verwenden.

Wie erwähnt startete die Firma Nagel vorerst mit den beiden Kameras und der Verwendung des Filmtyps 127 für Bildformat 3x4cm. Dieses Format bewog verschiedene andere Kamerahersteller zum Bau von Kleinkameras mit demselben Filmtyp, der von Kodak bis ca. 1967 noch produziert und angeboten worden war.

Eigentlich überrascht nicht, wenn in der Zeitschrift «PhotoDeal 2002 Heft II» einen Artikel diesem Film gewidmet war mit dem Titel «127er-Rollfilm – verpasstes Idealformat». Tatsächlich wäre mit der Verbesserung der Filmemulsionen und Ausnützung dieses Formates eine Vielzahl interessanter Kamerakonstruktionen ermöglich gewesen.

Interessanterweise stellten die Mitbewerber aber mit dem Erscheinen der ersten Kodak-Retina ab 1934 die Produktion neuer, höherwertiger Kameras ein. Überleben konnte der Filmtyp 127 nur durch spätere Kamerakonstruktionen einfachster Art mit bescheidenen fotografischen Ansprüchen.

Die erstmalige Verwendung des 35mm-Films von Leitz zeigte eben auf, dass kleine hochwertige Kameras gebaut werden konnten mit denen sich auf einem einzigen Film mehr Bilder festhalten liessen. Nur erforderte es dazu wiederum technisches Wissen und Können was beweist, dass 1931 anfänglich nur ein weiterer Hersteller es wagte, den 35mm-Film für eine Kamera zu verwenden.

Es war die Firma Krauss, Stuttgart, die damals mit ihrer «Peggy» ein technisch interessantes Produkt liefern konnte. Preislich lag diese Kamera im Bereich der Leica, möglicherweise sogar etwas höher, was wohl ihrem raffinierten System für die Verschluss-Vorspannung, kombiniert mit gleichzeitigem Filmtransport zuzuschreiben war.

Als eine Konkurrenz zur Leica konnte die Peggy nie betrachtet werden, denn Leitz hatte damals bereits weiter geplant und ab1930 die Leicas nicht mehr mit Zentral- sondern mit Schlitzverschlüssen ausliefert. Dadurch ergab sich für die Leicas ein gewaltiger Vorteil, welcher ein Wechseln von Objektiven mit unterschiedlicher Brennweite ermöglichte.

Die Peggy II, eine Weiterentwicklung des ersten Modells enthielt zusätzlich einen eingebauten gekuppelten Entfernungsmesser und war somit für diese Zeit außerordentlich fortschrittlich. Nur scheint dem Produkt kein Erfolg beschieden gewesen zu sein, denn über den Fortbestand der Firma ist ab 1934 nicht mehr viel zu erfahren.

Natürlich wurde auch bei Carl Zeiss, Jena über den Bau von Kleinbildkameras nachgedacht, konstruiert und gebaut und etwa 1932 erschien die erste «Contax (I)» auf dem Markt. Eine Gemeinsamkeit zur Leica bestand lediglich mit der Verwendung von Schlitzverschlüssen und damit auch der Möglichkeit für Objektiv-Wechsel. Technisch gesehen war die Gemeinsamkeit eher klein und weit auseinander. Während die Leicas mit einem horizontal ablaufenden Tuchschlitzverschluss gebaut wurden, so hatte Zeiss auf einen vertikal ablaufenden Metall-Schlitzverschluss gesetzt. Aber auch für den Objektivwechsel wurden extrem unterschiedliche Anschluss-Systeme gewählt. Bei Leitz wurde auf Einfachheit geachtet, indem ein Objekt mittels Gewinde am Gehäuse befestigt werden kann. Zeiss dagegen entschied sich für ein aufwändigeres Bajonett-System mit entsprechender Verriegelung.

In Bezug zu den vorher erwähnten Kamerasystemen war eines gemeinsam: Präzisionsgeräte mit raffinierter Technik waren aufwändig und konnten nicht billig produziert werden. Dieser Umstand ermöglichte der Firma Nagel, mit preisgünstigeren, zweckmässigen kleinen Kameras in den Markt einzusteigen.

So begann Ende 1931 die Geschichte der Kodak-Retina-Kamera nach dem Verkauf des Nagel-Kamera-Werkes in Stuttgart-Wangen an die Eastman Kodak Company.

Unter der Leitung des ehemaligen Besitzers und nun als Direktor eingesetzten Dr. August Nagel wurde die Kodak-Retina entwickelt, eine Kamera, die nur schon ihrer Abmessungen wegen gerne als Taschen-Kamera bezeichnet werden konnte, rasch viele Abnehmer gefunden hatte und letztlich einen gewissen Kult-Status erreichte.

1934 also war es soweit und der Öffentlichkeit konnte die erste RETINA (Type 117) vorgestellt und zum Preise von nur 75.-RM angeboten werden.

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Letzte aktualisierung am Mittwoch, 29. Dezember 2021